Querdenker - das Online-Magazin mit News zum Nachdenken
Nr. 1 - November/Dezember 2000 - Bedenkenswertes, Erlesenes und Quergedachtes
Linie horizontal

Wie war das mit dem Web anno 1990? -
Bibliotheken und Archive in Nöten

Wir leben im Informations- und Wissenszeitalter. Gerade unsere heutigen neuen Technologien bringen weltweit die Bibliotheken und Archive in große Schwierigkeiten. Riesige Datenmengen wollen gespeichert werden und sollen auf lange Sicht erhalten bleiben.


Ein mögliches Szenario, welches sich bereits in wenigen Jahren erfüllen könnte: Ein Student, angehender Historiker sucht für seine Doktorarbeit Materialien und Originaldokumente zum Thema "Internet in Österreich". Er sucht dabei Texte aus den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Leider vergeblich. Denn diese Dokumente sind nicht mehr erhalten.

Die heutige Wissensgesellschaft und die damit verbundene Datenflut stellen die Bibliotheken und Archive vor enorme Probleme: Immense digitale Datenmengen sollen gespeichert und für die Nachwelt erhalten bleiben. Und dies über einen langen, wenn möglich ewigen Zeitraum. Die Erinnerung an ganze Abschnitte und Aspekte nationaler Geschichte, wie eben die Anfänge des Web in Österreich, fällt so zusehends schwerer.

Online-Dokumente - genauso ausgelesen und ebensowenig archiviert wie alte Taschenbücher? Von wegen Informationszeitalter. Gerade die neuen Technologien und ihr rascher Wandel stellen weltweit die großen Bibliotheken und Archive, die "Gedächtnisspeicher der Nationen", vor wachsende Probleme. Immense elektronische Datenmengen wollen gespeichert und über lange Dauer erhalten werden. Dabei gilt das Problem der physikalischen Lebensdauer digitaler Speichermedien unter Experten als eher zweitrangig.

Drängender ist die Beantwortung der Frage: Mit welcher Maschine lässt sich jetzt Abgespeichertes in ein paar Jahren noch auslesen? Etwa: Braucht man ein Computermuseum, damit man heutige CD-ROMs noch in 10 Jahren lesen kann? Wer die EDV- Branche kennt, weiß, wie rasch Geräte, Programme, ganze Systeme veraltet sind. Abgesehen von Wartungsfragen, denn der Computer müsste auch in 30 Jahren noch funktionieren. Es geht weniger um die Haltbarkeit der Daten, als der Technologie. Kein Wunder, dass mancher Bibliothekar sich wünscht, es gäbe weiterhin nur Papier. Natürlich hochwertiges, säurefreies Papier. Um dies zu lesen braucht´s dann nur eine Brille.

Die radikale Aufgabenänderung für die Bibliotheken dieser Welt steht vor der Tür: Was tun mit "dem Internet" bzw. seinen Inhalten? Immer mehr Publikationen existieren nur im Netz. Eine Novelle des Mediengesetzes in Österreich verpflichtet die Verleger von CD-ROMs, ein Stück an die Nationalbibliothek abzuliefern (galt bisher nur für Druckschriften). Aber der Online-Bereich ist davon nicht erfasst. Perfekte Lösung gesucht.

Neben vielen offenen rechtlichen und technischen Fragen wird weltweit über zwei Varianten gestritten: Selektion oder Speichern des gesamten (nationalen) "webspace". Bei dieser gewaltigen Menge an Daten stellt sich gleich wieder die Frage der Selektion: Was ist in 50 Jahren noch interessant? Das Herunterladen des (nationalen) Web-Inhaltes ohne Selektion - wie es etwa die Schweden vier Mal pro Jahr versuchen - ist ein ausuferndes Unterfangen. Noch dazu muß man hier unterscheiden zwischen statischen und dynamischen Inhalten, will heißen: Liegt dahinter eine Datenbank, muss die mitgespeichert werden?

Nach einer Studie der ETH-Zürich beträgt zudem die durchschnittliche Lebensdauer eines Web-Dokuments nur zwei Monate. Keinen Anspruch auf Vollständigkeit gibt es beim Einsatz von "web-robotern": Solche automatische Programme beginnen an einer Startseite und arbeiten sich dann von Link zu Link. Doch nicht alle Web-Seiten sind verlinkt, niemand hat den Überblick.
Die Technik alleine wird hier keine Lösung bringen, noch dazu, wo die Experten heute noch über zwei verschiedene Ansätze diskutieren: Migration oder Emulation?

Bei der Migration bräuchte man ein weltweites Standardformat um die Daten ständig in die jeweiligen aktuellen Programmversionen und Hardwareformate umzukopieren. Vorteil: Die Daten sind immer auf modernstem Format. Nachteil: Jeder Kopiervorgang beeinhaltet auch die Gefahr des Datenverlustes. Bei der Emulation simuliert der moderne Rechner seinen "alten" Bruder und erlaubt es so, die alten Dokumente zu lesen. Vorteil: Kein ständiges Umkopieren, Nachteil: Ein Quasi-Computermuseum wird benötigt.
Auch der ORF wird sein Archiv frühestens in 7 Jahren in digitaler Form vorliegen haben, wobei hier wieder zwei Faktoren für die langwierige Umsetzung verantwortlich sind: Die gigantische Größe des Archivs und die enormen Kosten für die angestrebte Digitalisierung.

Kritiker fragen daher bereits, ob wir diese Form der Vergangenheitsspeicherung überhaupt benötigen. Andererseits: Menschen ohne Bücher haben keine Vergangenheit. Ohne Vergangenheit keine Zukunft? Tiere leben so.

Krankes WAP -
WML raus, Compact HTML rein?


Von vielen als Totgeburt bezeichnet kränkelt das WAP-Handy mangels sinnvoller Anwendungen weiter vor sich hin. Da kam im Juli 2000 eine Pressemitteilung vom britischen Unternehmen Logica, zusammen mit führenden japanischen Mobiltechnolgie-Lieferanten gerade recht: Das erste kommerziell verfügbare cHTML- Gateway ist eingerichtet und damit ist es möglich, neue Internet Services auf Basis von Compact HTML zu erstellen. Seitdem ist wieder Ruhe am WAP-Friedhof.

Ist WAP bald so am Ende wie dieses alte Telefon?

Das kleine Display, elendiglich lange Wartezeiten auf den eigentlichen Inhalt, teure Onlinegebühren, umständliche Bedienung und wenig sinnvolle Applikationen. So beschreiben  manche frustrierte Handyianer ihre Schwierigkeiten dem WAP-Hype zu folgen. Die Grenzen des kleinen Displays und der entsprechend abgemagerten Wireless Markup-Language (WML) haben auch schon so manchen Entwickler schlaflose Nächte bereitet.
Logica möchte nun den am japanischen mobilen Internet-Markt mit seinen über 11 Millionen Usern fest etablierten cHTML-Standard auch in Europa zum Erfolg führen. Logicas cHTML Gateway, m-World Gate genannt, ist dabei kompatibel zu bisherigen WAP Strategien.
Compact HTML ist dabei ein Auszug von HTML und liegt derzeit nur als Vorschlag beim W3C. Über 15000 cHTML-Websites dominieren den japanischen mobilen Internet-Markt. Von der Hardware unterstützt werden dabei Farbgrafik, animierte GIF´s, MIDI-Sound und in den neueren Versionen auch Java und 128-Bit SSL Verschlüsselung.
Dennoch darf bezweifelt werden, dass sich angesichts der bisherigen Milliarden-Investitionen in den WAP-Markt und damit indirekt auch in WML eine mögliche bessere Alternative wie cHTML durchsetzen wird.

Quellen und weiterführende Texte:
Pressemitteilung Logica
W3C - Compact HTML for Small Information Appliances

Privacy Preferences -
Neuer Internet Datenschutz-Standard?


...das Profil der Surfer wird für die Datensammler immer klarer

Demnächst wird die bisher als Arbeitspapier vorliegende P3P-Spezifikation in der Version 1.0 (Privacy Preferences 1.0) als Standardempfehlung des W3C verabschiedet. Dies könnte einer der wichtigsten Bausteine für eine europaweite Datenschutzkonzeption sein, aufbauend auf Transparenz und technischer Zuverlässigkeit.

P3P ermöglicht es Website-Betreibern auf einfache Art und Weise ihre Datenschutzpolitik auszudrücken und in ihre Sites entsprechend einzubauen. Der um seine privaten Daten besorgte User hat mit P3P nicht nur eine größere Kontrolle über die Verwendung seiner persönlichen Daten, sondern er hat auch einen Überblick darüber, wo er welche Daten gelassen hat.
Das auf XML basierende P3P 1.0 wird demnächst endgültig standardisiert und nicht nur vom W3C mitgetragen, sondern auch von vielen Firmen und Datenschutzorganisationen. Mit P3P geht auch die Hoffnung einher, einen europäischen Wettbewerbsvorteil durch diese Art von Datenschutz zu lukrieren und damit auch ein Signal zu setzen, daß datenschutzwidrige Offerte in Zukunft keine Chance mehr haben.

Quellen und weiterführende Texte:
Pressemitteilung Datenschutzbeauftragte
W3C - The Platform for Privacy Preferences 1.0

see-programming

Home
Programmierung
Philosophie
Referenzen und Projekte
Kontakt
Newsletter

querdenker

Compact-HTML -
Eine Alternative zu WML?


P3P -
Der neue Online-Privacy-Standard?



Impressionen - aus den Tiefen des Netzes
Impressum
Haftungsausschluss
Linie horizontal