Whidbey, Orcas, Yukon und Longhorn - Aktuelle Codewörter des Microsoft-Kosmos - Eine Begriffsbestimmung
Spätestens seit der vorjährigen PDC-Konferenz in Los Angeles sind eine Reihe neuer Codebezeichnungen
für Microsofts zukünftige Softwareveröffentlichungen in aller Munde. Am Geläufigsten dürfte dabei
der Codename "Longhorn" sein, welcher das nächste MS-Betriebssystem bezeichnet. Orientierung tut Not. Was steckt hinter
Whidbey, Orcas, Yukon, Longhorn & Konsorten? Dieser Artikel soll Ihnen einen kurzen Überblick geben.
I. Whidbey - Generics, ObjectSpaces und Whitehorse
Whidbey ist der Codename für den Nachfolger von Visual Studio.NET 2003, genauer eigentlich die
nächste Generation der Common Language Runtime, dem .NET-Framework in der derzeit als Version 1.2 bezeichneten
Ausgabe. Die mit Whidbey einhergehende IDE (Visual Studio.NET 2004!?) ist bereits als 64Bit-Anwendung auf die Zukunft
vorbereitet. Einige der mit dieser Version angekündigten Vorteile sind:
Unterstützung von Generics: Ähnlich den von C++ bekannten Templates können diese Klassen
zur Parameterverwaltung erstellen.
Einführung eines Tools namens ObjectSpaces, welches den einfachen Datenbankenzugriff mittels
ORM (Object Relational Mapping) erlaubt. ORM bildet die relationalen Datasets wie instanziierte Objekte ab und stellt
Attribute zum Abfragen bzw. Updaten der Daten zur Verfügung.
Whitehorse - ein Werkzeug für das Architektur-Design einer Anwendung und deren Überprüfung.
Ein neuer Mechanismus mit dem Codenamen Clickonce zur einfachen Zusammenstellung und Verteilung von
Windows Applikationen.
Eine der sehnlichst erwarteten Verbesserungen innerhalb der IDE - insbesonders von "alten" Visual Basic-
Entwicklern dringendst gewünscht - stellt die Möglichkeit dar, nunmehr auch während der Laufzeit im Debug-Modus Code bzw.
Codeblöcke - Parameter, Variablen etc. - zu Testzwecken auszutauschen und zu verändern. Dies hilft Zeit zu ersparen,
indem man während des fehlgeschlagenen Debuggens nicht ständig die Anwendung beenden, Code ändern,
Applikation neu starten
muss.
Desweiteren wird die volle Integration mit dem kommenden neuen SQL-Server (Codename Yukon) angekündigt.
Dies ermöglicht es, Assemblies innerhalb der Datenbank zu platzieren und dadurch die volle Bandbreite an Möglichkeiten
zu nützen - mittels der bekannten .NET-Programmiersprachen: Beispielsweise können dadurch Stored Procedures auch
in C# geschrieben werden.
Signifikante Verbesserungen sind auch für die Webentwicklung zu erwarten: Mehr als 40
neue Websteuerelemente decken Features wie Authentifizierung, Personalisierung, Navigation und vieles mehr ab. Die Generierung
von Vorlagen wird durch die Einführung von Masterpages grundlegend einfacher. Darüber hinaus durchdringt
Intellisense einfach alles - auch so wird das Programmieren effizienter und schneller.
Whidbey wird voraussichtlich
im letzten Quartal dieses Jahres in einer Release-Version vorliegen.
II. Yukon - Der neue SQL-Server
Als Nachfolger eines der wohl ausgereiftesten Microsoft-Produkte, nämlich des MS-SQL Servers 2000, wird
der neue SQL-Server mit der Codebezeichnung "Yukon" wohl auch einer der spannendsten Neuentwicklungen sein. Yukon wird als
eine der wesentlichsten Neuerungen vor allem die Interaktivität des SQL-Servers mit Whidbey - dem Nachfolger von VS.NET 2003
und den zugrunde liegenden Web-Applikationen mitbringen.
Bereits bekannt sind folgende Features:
Von Whidbey generierte Assemblies können innerhalb der Datenbank implementiert
werden und sind darin
auch lauffähig. Dies impliziert die Erstellung von gespeicherten Prozeduren, Funktionen, Trigger oder auch benutzerdefinierten
Datentypen durch Whidbey, also innerhalb jener Entwicklungsumgebung mit der auch der Rest der Applikation erstellt wird.
Im Zusammenspiel mit ADO.NET werden serverseitige Cursors unterstützt. Dadurch können Events
gefeuert werden, wenn während einer Abfrage die Daten durch einen neuerlichen Abruf verändert werden.
Yukon kann Daten für Web Services ausliefern, ohne dass gleichzeitig der Internet Information Server
benötigt wird. Dies wird durch die Implementierung eines internen HTTP-Listeners ermöglicht.
Es werden asynchrone Operationen mit der Garantie auf Ausführung durch eine asynchrone Nachrichtenqueue
ermöglicht.
Durch die Verwendung von XML als Basistyp können Daten über XQuery direkt verändert und
abgerufen werden, ohne dass eine explizite Konvertierung der SQL-Datentypen in XML erfolgen muss.
Spezifische Abfragen können mittels CTE (Common Table Expressions) direkt als Tabelle bzw. als
temporäre Ergebnistabelle weiterverwendet werden.
Verbesserte und neue interne Reportingtools.
Gemeinsam mit Yukon wird auch der neue "Mini"-SQL-Server CE 3.0 mit dem Codenamen Laguna ausgeliefert.
Dieser bietet Distributed Transaction-Unterstützung, ACID Transactions-Support, Multi-User Support, Integration eines
Datendesigners über die Whidbey IDE sowie die native SQL-Workbench.
Yukon wird voraussichtlich gegen Ende 2004
veröffentlicht werden.
III. Longhorn - Das ultimative Betriebssystem?
Nach den sensationellen Präsentationen auf der PDC lässt die nächste Generation an Windows-
Betriebssystem einiges erwarten. Ähnlich zur Einführung von Windows 95 und NT dürfte sich hier wiederum ein
Quantensprung anbahnen. Longhorn als Nachfolger von Windows XP wird für 2006 erwartet und unterscheidet sich in vielen
Dingen von Microsofts heutigen Betriebssystemen. Im Grunde genommen ähnelt es bereits mehr einem Informationssystem an
sich, als einem gewöhnlichem Betriebssystem. Erstmals basieren zahlreiche Komponenten auf der .NET-Architektur, was
wiederum dazu führt, dass Kernfunktionen des Systems erstmals nicht über APIs laufen, sondern durch Objekte
angesteuert werden. Longhorn wird auch mit zahlreichen Verbesserungen im Hinblick auf die Interaktion des Users mit Daten- und
Knowledge-Management-Funktionalität aufwarten. Damit einhergehend optimiert Longhorn auch die Unterstützung der
Grafikprozessoren bei den Video- und Audiofunktionalitäten des Systems.
Für den revolutionär organisierten
Daten- und Wissenaustausch des zukünftigen Betriebssystems sind vor allem drei Untersysteme zuständig, die heute
als WinFx zusammengefasst, bezeichnet werden:
Der Codename Avalon bezeichnet die Präsentationsschicht von Longhorn. Als Grafikengine von
Longhorn wird Avalon wohl auch das bisherige Graphical Device Interface ablösen. Basierend auf DirectX und
hardwareunterstütztem Desktop-Rendering zieht Windows mit beeindruckendem 3D und Transparenzeffekten an Mac OS X
vorbei. Das bisher übliche
Pixel-Format zur Präsentation wird durch ein Vektorformat abgelöst, welches naturgemäss alle Vorteile des
Vektorformats beinhaltet: Bessere Skalierung von Bildern, grafischen Elementen und natürlich auch von Zeichensätzen.
Gleichzeitig vermag Avalon eine Transformation der Entwicklung von Windows Applikationen hin zu mehr weborientierten Elementen
bei der Windows-Programmierung zu bewerkstelligen. Diese Orientierung am Internet basiert auch auf XML, insbesonders der bei
Windows Forms aktuellen Variante von XAML. XAML erlaubt die integrative Entwicklung von Texten, visuellen Komponenten aber
auch Animationen. Aus heutiger Sicht - und dies ist jetzt pure Spekulation - könnte XAML - in Verbindung mit dem Vektorformat
eine ernsthafte Konkurrenz zu Flash & Konsorten darstellen. Noch dazu, wo hinter XAML eine weitere Datenschicht steckt, die
wiederum das Eventhandling und die dazugehörige Logik enthält. Diese "Code Behind"-Dateien werden dann zusammen mit
den entsprechenden XAML-Dateien in ein Assembly gepackt, also kompiliert. Dies erfolgt wiederum mit einem neuen Werkzeug,
Codename MSBUILD. Mit XAML ist das Bild von halbtransparenten Windows-Applikationen mit drehenden Schaltflächen
keine Utopie mehr, vielmehr verspricht XAML auch ein Format für multimediale "Bücher" zu werden.
Alternativ kann aber auch Whidbey zur XAML-Kompilierung verwendet werden, da Whidbey das
Longhorn SDK und die verbundenen Bibliotheken erkennt und daher auch die entsprechende Infrastruktur für Longhorn-Projekte
kreieren kann. Trotz der relativ radikalen Umstellung auf Avalon als visuelle Infrastruktur von Windows bleibt die
Abwärtskompatibilität vollständig erhalten. Ein Nebeneinander und/oder eine Kombination von Win32 (COM-Applikationen),
WinForms und Avalon-Anwendungen ist möglich. Microsoft arbeitet aber auch bereits am Nachfolger von Whidbey - mit dem
Codenamen Orcas, welches nochmals einen gewaltigen Schritt vorwärts - insbesonders im Zusammenspiel "Longhorn - Yukon -
Entwicklungsumgebung" darstellen wird. Orcas wird voraussichtlich nicht vor 2007 erscheinen.
Unter dem Codenamen Indigo wird jener Teil von Longhorn verstanden, der für den Bereich Verbindungen,
Transaktionen und Zusammenarbeit zuständig ist. Unter Beibehaltung der beispielgebenden Abwärtskompatibilität
erweitert Indigo mit der SOA (Service Oriented Architecture) Longhorn um eine neue Verbindungsarchitektur, die darauf
aufbaut, dass Systemverbindungen sich auf die Übertragung von Nachrichten verlassen sollten, die von den Diensten des
Betriebssystems instanziiert wurden. Dies schafft die Voraussetzungen für eine Reihe von superben Möglichkeiten: Keine
Stand Alone-Applikationen mehr, sondern nur interaktive Systeme. Leichtere Entwicklung und einfachere Implementierung von
Verbindungen, die auf einem dienst- und nachrichtenorientiertem Verbindungsweg aufbauen. Leichtere Verwaltung dieser asynchronen
Nachrichten. Verbindungen zwischen Applikationen benötigen keinen Proxy dazwischen, sondern funktionieren direkt. Indigo
versteht sich letztendlich als intelligente Balance zwischen dem bisherigen Remoting, COM+ und WebServices in einer Sammlung
von Verbindungsbibliotheken als Namensraum. Der neue Namensraum System.MessageBus vereint alle bisherigen Überarbeitungen
zum Thema Web Services: WS-Security, WS-ReliableMessaging und WS-Transactions sind bereits integriert. Indigo als Messaging-Plattform begeistert vor allem durch eine flexible und intuitiv zu verstehende Modularität.
Als WinFS wird schließlich die Informations- und Speicherplattform von Longhorn bezeichnet. Die
Hauptaufgabe von WinFS ist die Verwaltung der Metadaten und der Datenströme auf unterschiedlichen Speichermedien, wie
beispielsweise den Festplatten. Diese Aufteilung bewirkt eine Speicherung der Metadaten an den verschiedensten Speicherorten
und enthält aber eine Referenzierung auf den zugehörigen Datenstrom. Diese Aufspaltung zwischen Speicherung und
Verwaltung ermöglicht uns die einfache Erstellung komplexer Verbindungen zwischen Dateien und deren logische
Zusammengehörigkeit, aufbauend auf den Bedürfnissen des jeweiligen Benutzers. WinFS verspricht dem User die einfache
Erstellung von Gruppierungen von Daten und deren Verwaltung. Am einem praktischen Beispiel veranschaulicht zeigt WinFS etwa
eine schnelle Suche über Tausende von über die Festplatte verstreuten mp3-Files mittels einer einfachen SQL-Abfrage.
Abschließend sei freilich explizit darauf hingewiesen, dass all diese
neuen Codebezeichnungen auch den frühen
Status der kommenden Entwicklungen markieren. Die genannten neuen Features sind also nicht vor Änderungen in der
endgültigen Version gefeit. Dennoch machen diese Aussichten - wie ich meine - Lust auf mehr.
Allerdings sei an dieser
Stelle auch erwähnt, dass diese - möglicherweise kommenden Features - als "Zuckerl" nicht darüber
hinweg täuschen können, dass diese Vorteile unter Umständen mit einem gravierenden Nachteil der Longhorn-Plattform erkauft werden könnten: TCPA/NGSCP (Next Generation Secure
Computing Plattform) - sei hier als Stichwort genannt. Aber dies ist eine andere Geschichte ...
Links zum Thema:
Microsofts Roadmap für die Entwicklungswerkzeuge bis 2006
Übersichtsseite zu zahlreichen Artikeln zum kommenden OS
Was bietet Whidbey?
Übersichtseite zu weiteren Whidbey-Artikeln
Das Longhorn SDK im Detail
Der neue SQL-Server mit weiterführenden Artikeln
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 Meine Meinung - Zerknatterte Musikindustrie - Eine unendliche Geschichte (IV)
Mehr als ein halbes Jahr ist seit meiner letzten Meinungskolumne vergangen. Zeit also, darüber
nachzudenken, was sich seither in der "Musik"-Industrie getan hat. Nicht viel, könnte man meinen. In jedem Fall aber
haben sich die Großen der Branche - abseits des Fusions- und Übernahmewahns - als absolut lernunfähig und
resistent gegenüber neuen Strategien im Sinne des Musikkonsumenten erwiesen. Die Musikverwerter haben also ab sofort
als merkbefreit zu gelten und sind demzufolge mit Nachsicht und Ignoranz zu behandeln. Mittlerweile müsste man
beispielsweise die neuerdings verheirateten Sony/BMG (Bertelsmänner) und Konsorten als Sonderschüler der Wirtschaft
betrachten.
Ein Geschäftsmodell, das seit Jahrzehnten funktionierte, aber seit mindestens 1995 nicht mehr rund läuft, gibt man
doch nicht auf, oder? Nein, unsere herzige "Muzakindustrie" verfeinert es und verfolgt mittlerweile ihre eigenen Kunden mit
Hausdurchsuchung, Anklage und Verurteilung, verschafft der Werbeindustrie noch haufenweise Sujets, in denen Musikdownloader
in die Nähe von Kinderschändern gerückt werden. Ansonsten sind jene Softwarehersteller, die in der Lage sind,
den beknackten Kopierschutz zu umgehen, bereits auf irgendwelche Inseln oder in die Schweiz ausgewandert und vertreiben ihre
Produkte von dort. Die Filmindustrie möchte da nicht abseits stehen und
begeht - wen wundert´s - sind doch teilweise die handelnden Herrschaften
exakt ident - die gleichen Fehler und wettert bereits
gegen Downloader und Kopierer. Steht doch auch der nächste Formatwechsel mit 27GB-DVDs auch bald vor der Türe.
Wer macht denn da noch mit?
Von der Schallplatte zur CD, von Video zur DVD, von der DVD vielleicht zur Blue Ray-DVD.
Wer möchte sich seinen ganzen Musikplunder nochmals kaufen?
An dieser Stelle unterbreche ich und widme mich meiner persönlichen Musiksituation, die freilich nichts mehr mit der
von der Beschallungsindustrie heute offenbar anvisierten Zielgruppe der 6-10 Jährigen zu tun hat. Ich möchte
natürlich nicht auf meine persönlichen Musikfavoriten verzichten, die im Grunde weit abseits jeglicher
Chartkompatibilitäten liegen. Seit mehr als einem Jahr ziehe ich den Boykott der Grossen in der Branche konsequent
durch und verweigere den Kauf der von den alten Hasen hergestellten Un-CDs. Das letzte Schlüsselerlebnis mit einer
CD, die sich im CD-Laufwerk des PKWs nicht abspielen liess und der darauf folgende "Schimmelbrief"-Wechsel mit
kopierschutz@universal.de hat mich endgültig geheilt.
Fazit: Es ist also ein Glücksspiel, ob man eine ehrlich erworbene Musik-CD überhaupt
mit seinen zur Verfügung stehenden Laufwerken, Geräten überhaupt abspielen kann. Also: Geld ausgegeben für
ein kaputtes Produkt, Retournehmen nicht möglich, weil Universal die Sendung - ohne dass ich das Porto übernehme -
nicht annimmt. Ergo: Kein Geld für CDs mit Kopierschutz. Und ich bin glücklich damit, denn selbstverständlich
verzichte ich nicht auf Musik, sondern eben nur auf jene Künstler, die einen bisschen breiteren Musikgeschmack
bedienen und bei einem Major unter Vertrag sind. Bei Labels wie Blue Rose, Glitterhouse, SPV, Buschfunk oder Sugar Hill etc. lassen
sich dann jene Schätze heben, die nicht nur jederzeit und überall abspielbar sind, sondern auch zu Unrecht im
Schatten der Küblböcks unserer Zeit stehen.
So elitär das auch klingen mag, es ist es nicht. Es ist in der Regel einfach gute Musik, die sich zu den
gegenwärtigen Marktbedingungen nicht behaupten kann. Sony, BMG und Freunde haben den Markt mit ihren Kübelprodukten
und im Zusammenspiel mit dem privaten Tittensendern wie RTL so verstopft, dass die Qualität kein leichtes Spiel mehr
hat. Der Zustand dieser Industrie in einem globalisierten Umfeld zeigt somit auch eine Binsenweisheit des globalen
Raubritterkapitalismus: Qualität setzt sich ohne Öffentlichkeit eben nicht durch.
"Warum sollte eine Industrie,
die "Produkte" mit einer Halbwertszeit von wenigen Tagen (siehe Starmania) ohne Gnade manipuliert und durchpeitscht auch
Interesse an Qualität haben?", fragt sich kopfschüttelnd Ihr
Martin Kratschmer
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